
Eine nicht ganz gewöhnliche Unterrichtsstunde erlebten Schülerinnen und Schüler des Reli-Kurses der EpH: Gebannt lauschten sie den Worten einer Zeitzeugin, die nach Ende des 2. Weltkrieges nach Sibirien vertriebenen worden war.
Unterricht einmal anders: Eine ältere Dame berichtet von ihren eigenen Erfahrungen und verhilft Jugendlichen des Steins damit, Einblicke in die Geschichte zu erhalten.
Am Dienstag, den 19. Januar 2016 war Frau Kisselmann, eine ältere Dame aus Russland mit deutschen Wurzeln, an das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium eingeladen worden. Im Rahmen des Religionsunterrichtes erzählte sie als Zeitzeugin von den Geschehnissen in ihrer Heimat - dem Wolgagebiet - und von der Zeit nach der Vertreibung nach Sibirien. Organisiert war diese nicht ganz gewöhnliche, aber von den Schülern besonders interessiert verfolgte Stunde von Religionslehrer Bernhard Dreyer und Herrn Schmidt. Letztgenannter ist pensionierter Grundschuldirektor, kümmert sich am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium als gute Seele für die Archivierung und organisiert immer wieder schuleigene Ausstellungen, Kooperationen und unterstützt Kollegen und Schülern.
Die Zuhörer waren der Religionskurs aus der Einführungsphase, der von Herrn Dreyer unterrichtet wurde. Pünktlich zur fünften Unterrichtsstunde begann Frau Kisselmann zu erzählen. Zunächst stellte sie sich vor und erklärte den Schülern, wie sich die Schüler und Lehrer in Russland begrüßten, dabei standen die Schüler auf und erwiderten das zuvor erwähnte „Guten Morgen“ von Frau Kisselmann auf Russisch.
Nun begann Frau Kisselmann, ihren Zuhörern Informationen und Hintergründe über die Wolgadeutschen zu erläutern: Etwa im 18. Jahrhundert hatte sich die Repräsentantin des aufgeklärten Absolutismus - Katharina II., auch Katharina die Große genannt - dafür eingesetzt, dass man Ausländern die Ansiedlung in Russland erlaubte. Sie unterschrieb am 22. Juli 1763 ein Manifest, bei dem sie tausenden deutschen Bauern die Ansiedlung in der Nähe der Wolga ermöglichte. Den Bauern versprach man Religionsfreiheit, Steuerfreiheit und das Verfügungsrecht über ihr Land. Ebenfalls warb man die Deutschen an, die damals unbewohnten Steppengebiete an der Wolga zu kultivieren, wodurch blühende Landschaften in autonomen Gebieten entstanden.
Danach machte Frau Kisselmann einen Zeitsprung ins 20. Jahrhundert, wobei sie nun von ihrer Kindheit berichtete. Frau Kisselmann lebte im Wolgagebiet zusammen mit den deutschen Einwanderern, als sie damals noch ein Kind war.0
Lenin, der damalige Regierungschef der Sowjetunion, sowie der spätere totalitäre Diktator Russlands, Joseph Stalin, beschlagnahmten die gesamte Getreideernte der Wolgadeutschen und verkauften diese ins Ausland. Infolgedessen starben zwischen den beiden Weltkriegen viele Deutsche an einer Hungersnot. Frau Kisselmann betonte deshalb, wie sehr auch ihre Familie und sie hungerten und dass es für sie stets ein Wunder war, dass sie nach Wochen, bzw. sogar Monaten ohne Essen dennoch überlebten.
Als die Nationalsozialisten in dem Jahr 1941 - während des zweiten Weltkrieges -die Sowjetunion überfallen hatten, wurden die etwa 400.000 verbliebenen Wolgadeutschen nach Sibirien in die Nähe von Novosibirsk deportiert und die Arbeitsfähigen dort zu Zwangsarbeit verurteilt.
Der Bruder sowie der Vater von Frau Kisselmann wurden noch einmal "deportiert". Erst in den achtziger Jahren (unter Gorbatschow) erfuhr sie nach einer Anfrage an die Regierung, dass beide schon in den 1940er Jahren hingerichtet worden waren.
Frau Kisselmann muss ihre Erzählung für einen Moment abbrechen. Ihre Stimme versagt und sie beginnt zu schluchzen. Die Zeitzeugin versuchte ihren Bericht fortzusetzen, doch immer wieder kämpfte sie mit Tränen, da die damalig erlebten Ereignisse für sie zu schrecklich waren, die sie nie vergessen konnte. Frau Kisselmann lebte noch einige Jahre mit ihrer Mutter in Sibirien. Doch als die Kälte unerträglich wurde und Temperaturen von -50°C herrschten, machte sie sich zusammen mit ihrer Mutter auf den Weg, verließ das Dorf, in dem nur evangelische Siedler lebten und ging zu ihrer Schwester.
Dort lernte Frau Kisselmann ein völlig neues Leben kennen: Zum ersten Mal in ihrem Leben durfte sie die Schule besuchen. Was für viele ihrer Mitschüler normaler Alltag war, war für die Dame immer ein besonderes Erlebnis: das Privileg, am Unterricht teilnehmen zu können.
Ihre Freunde waren sich sicher, dass die ehrgeizige Schülerin aufgrund ihrer guten Noten ganz bestimmt einen Studienplatz an der Universität in Omsk erhalten würde. Frau Kisselmann erzählte, wie sie immer davon geträumt hatte, später mal an einer Universität zu studieren. Ihre Augen leuchteten vor Aufregung, als sie sich an diesen Traum erinnerte. Doch wie so oft im Leben kam es anders: Ihre Freunde hatten sich geiirt; die ehrgeizige Schülerin wurde nicht aufgenommen. Sie konnte es nicht glauben, warum man sie nicht aufgenommen hatte, da ihre Noten sehr gut waren. Später bekam Frau Kisselmann von ihren Freunden den einzigen und wahren Grund mitgeteilt, weshalb es für ihren Studienplatz nicht gereicht hatte: Sie hatte deutsche Wurzeln und galt als Deutsche, die an der Universität nicht erwünscht waren.
Nur durch Zufall konnte Frau Kisselmann später als Lehrerin arbeiten, weil man in ihrem neuen Heimatort Lehrerinnen brauchte. Frau Kisselmann erzählte von der Disziplin, die an den russischen Schulen herrschte. Die Schüler waren immer leise, denn wenn ein Schüler auch nur einen Laut in Anwesenheit des Lehrers von sich gab, drohte ihm auch schon ein ernstes Gespräch mit dem Direktor.
In den 90er Jahren schließlich ging Frau Kisselmann mit ihrer Familie nach Deutschland. Seitdem lebt sie hier und ist sehr glücklich, obwohl sie stets ein Gefühl von Trauer und Heimweh verspürte. Vor einiger Zeit machte die Dame Urlaub in ihrer einstigen Heimat und war sehr erstaunt, dass die Siedlungen, in denen sie früher gelebt hatte, immer noch genauso aussehen, wie sie sie in Erinnerung hatte.
Nachdem Frau Kisselmann zu Ende erzählt hatte, stellte Herr Schmidt noch einige äußerst interessante Fragen. Unter anderem, wie sie es denn wohl geschafft habe, in der sibirischen Kälte und trotz ihrer unvorstellbaren Schicksalsschläge zu überleben. Daraufhin antwortete sie, dass ihre Familie sehr gläubig gewesen sei und es auch immer noch ist. Als Christin habe sie häufig zu Gott gebetet und auch in den schwierigsten Zeiten auf ihn vertraut. Die Mutter habe jeden Abend mit den Kindern das „Vater Unser“ gebetet, jedoch unter einer Decke und relativ leise, damit die Nachbarn nichts mitbekamen und die Familie nicht anschwärzen konnten.
Zum Abschluss bedankte sich Frau Kisselmann für die Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer, den Schülern aus der Einführungsphase, und betonte, dass man heutzutage glücklich sein sollte, in einer Gesellschaft zu leben, die nicht vom Krieg gezeichnet, sondern vom Frieden geprägt sei. Der Religionskurs aus der Einführungsphase sowie Herr Dreyer und Herr Schmidt bedankten sich recht herzlich bei Frau Kisselmann für ihren Mut und ihre Tapferkeit, die - zum größten Teil schrecklichen - Erlebnisse in Form eines Zeitzeugenberichts vorzutragen, und wünschen ihr für ihre Zukunft von ganzem Herzen alles Gute.
Marc Mainczyk EPH

